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„Du hebst dich von der Masse ab, deine Kunst ist anders, neu, frisch und besonders? Dann zeig, was du kannst…!“

lautete der Aufruf zu einem lokalen Kunstwettbewerb, das komplette Briefing hier. Die Rechtschreibfehler haben mich von der gewollten Unkonventionalität abgelenkt und ich habe mich zu einer Teilnahme mit einer höchst undekorativen Grafik hinreissen lassen:

„Augusta consaeptum“ (ganz rechts)

Meta-Kunst, eine Neuinterpretation des Begriffs „Augsburger Geschmack“ mit einer Prise Karl Kraus. Der Pyr durch den Maschendrahtgartenzaun gesehen, hinter dem die zirbelbemützten Kleinstschildspiessbürger alles hysterisch ankläffen, was nicht ihrem speziellen Kunstverstand entspricht, man erinnere sich nur an diesen Skandal. Oder an diesen. Jetzt hätte man ob der Betonung auf „special“ und „brain“ annehmen können, dass bei dieser Ausstellung keine Schemata bedient, sondern eher Konzepte hinterfragt werden sollen. So kann man sich irren, gewonnen hat das hier.

Neu, frisch, besonders? Wenn man ein Auge zudrückt, kann man das Gemälde vielleicht noch als impressionistisch bezeichnen. Im Grunde handelt es sich aber nur um ein Portrait einer lokalen Berühmtheit. Eine eitle Jahrmarktsmalerei, die auf der längst vergangenen Spezialität anderer reitet. Der Ausdruck ist auch keine Überhöhung, dem Modell wurde eine Spitzbübigkeit aufgeschminkt, die so nicht existiert. Im Grunde bedient das Gemälde nur oberflächliche Sehgewohnheiten, der Eindruck von Kunst wird allein von Material und Technik hervorgerufen. Als ich meinen sterilen und schnöden (und auch deshalb unverkäuflichen) Laserdruck abgeliefert habe, dachte ich mir sofort, da will jemand der stereotypischen Fachjury Farbe ums Maul schmieren, Kunsthandwerk hat goldenen Boden, Inhalte stören nur. Im Briefing standen aber zuerst keine Namen, nur „eine unabhängige Jury“, andernfalls hätte ich erst gar nicht mitgemacht.

Dass das nicht blutsverwandte Publikum bei der Mezzosage zu 99% für Kunst nach Vorschrift stimmt, war klar und der letzte Nagel im Sarg, ich habe an diesem Abend bewusst mit Abwesenheit geglänzt. Das Ganze war ohnehin eine Verkaufsveranstaltung, bei der Galerie handelt es sich um keine, sondern um einen Laden für allerlei nützliche Eso-Produkte wie Barfusstanz und andere Spontanitäten nach Anleitung. Geht man nun auf das Facebook-Profil der Gewinnerin mit dem verdächtig spontanen Namen, findet man nichts ausser dem Foto einer Hennatante mit einem türkisen Halstuch, der letzte Schrei unter den alternativen Kreativen. Ein Klischee jagt das andere, es bleibt in der Kommune. Moment, der WG-Inzest geht noch weiter: Platz 2.0 ist aufällig bestens getimte PR für Gutmenschenkunst wie aus dem Lehrbuch und Platz 2.1. führt wieder zur Quaksalberei. Platz 3.0 ist online nicht präsent, geht aber mit einem Titel der kreativen Zunft hausieren, Platz 3.1 gehört auch zu den üblichen Verdächtigen. Wie neu, wie frisch, wie besonders! Die Szene feiert sich selbst selbst auf der untersten Ebene, der Club der Gewinner ist heute nur für Mitglieder:

Tja, was war wohl das Killerkriterium meines Scheiterns? Die Galeristin hat ein sehr langes Gesicht gemacht, als ich die Frucht meiner Zirbelnussdrüse als „unverkäuflich“ etikettiert habe, ade 20% Provision. Da war sie wieder, die fuggersche Krämerseele, die Kunst nach dem Preisschild bewertet. Das superschwammige Thema „a special place“ war Absicht, ein konkretes Thema hätte ja wirklich kontroverse Ergebnisse erzeugen können und echte Kritik ist in der Kunst Kassengift, im schwäbischen Schlumpfhausen jedenfalls. Wo man mit der Schrotflinte denkt, ist die Wahrscheinlichkeit auf einen harmlosen Treffer höher.

Natürlich hat das Gros der Teilnehmer seine Werke lokalkoloriert, diese in der Provinz verkaufsfördernde Eigenschaft war kalkuliert. Und ja, natürlich liefert ein (angehender) Koofmich Handwerk ab, zum vermeintlichen Wert des geistigen Eigentums kommen noch Material- und Arbeitsaufwand hinzu und hastenichtgesehen steigt der VK in eine Reiseflughöhe, auf der 20% interessant werden. So denkt auch die Fachjury, für die Kunst durch die Bank ein Geschäft ist, die Dozenten unter ihnen lehren diese Preisschild-Philosophie, das zusätzlich zu gewinnende Künstler-Coaching ist auch nur ein Kurs in Marketing. Kein Malunterricht, keine Kunsttheorie, ein Verkaufsseminar. Klar hätte ich die 200 € Geldpreis sehr gut gebrauchen können, aber allein deswegen beuge ich mich doch keinen kommerziellen Kriterien. Insofern habe ich alles richtig gemacht. Warum?

Eine Einzelausstellung und/oder ein Coaching hätte einen weiteren Provisionsanspruch bedeutet. Man hätte mich gedrängt, die kommerziell erfolgreiche Schiene zu fahren, give the people what they want. Damit wäre ich vielleicht reich, aber nicht glücklich geworden. Weil mir immer etwas neues, frisches und besonderes einfällt, wofür ich dann aber keine Zeit mehr gehabt hätte. Oder ich wäre abgestumpft und in meinen eigenen Stereotypen gefangen gewesen. Nee, lass ma, da bin ich nicht so für, das war meine erste und letzte Ausstellung, hier jedenfalls, an meinem Gedankengut fuggert sich keiner gesund…

Ach ja, beinahe hätte ich noch einen bleibenden Schaden davongetragen. Im eigentlichen Ausstellungsraum aka Barfusstanzsaal ist Schuhwerk verboten (Laminat) und eine selten bescheuerte Stufe, an der ich mir meinen bereits doppelt gebrochenen grossen Zeh mit Schmackes angedonnert habe, der hat 3 Tage in den hässlichsten Farben geschimmert. Ich dachte schon, der ist wieder durch und lässt mich in Zukunft hinken. Der Fingerzeig einer höheren Macht, dass hier kein Blumentopf zu gewinnen ist? Wir wissen es nicht…

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Über twixraider

Raider heißt jetzt Twix… sonst ändert sich nix, ich suche immer noch einen Job als Scherzkeks.
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