Ziel betroffen, Mission tränenreich

Vor einigen Tagen habe ich auch mal meinen Senf zu Oslo abgegeben, noch nicht einmal extrascharf, kuckst du hier. Eine Abonnentin hat in ihrem Kommentar ihre Erfahrung mit Posts zu diesem Thema mit einem ähnlichen Tenor geschildert, kuckst du hier. Hallo, was für ein Hallo? Pietäts-Protestanten auf facebook? Schönen Gruss vom bösen Twix, es gibt ein türkisches Sprichwort, dass genau auf sie zutrifft:

„Du Opfa!“

Ich hätte gute Lust, T-Shirts & Buttons mit dem Slogan „Eure Betroffenheit kotzt mich an!“ herauszubringen, die 3 Affen-Taktik nützt einen Dreck. Ich will nicht unbedingt Wut statt Trauer, aber es wäre wünschenswert, wenn den braven Bürgern mal ein Licht aufgehen würde statt dass sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit eines anzünden. Oder dass sie mal an bzw. wie die weisse Rose denken statt überall Ziergemüse niederzulegen. Oder dass sie sich mal wirklich die Frage „Warum?“ stellen statt „Why?“ auf Zettel zu schreiben. Diese kollektive Pseudosolidaritätsbekundung ist auch ökologisch nicht korrekt, demnächst wird man eigene Deponien für den ganzen Betroffenheitsmüll anlegen müssen. Ich sehe die Container schon vor mir: Eine Kammer für sinnlos verheizte Kerzen, eine für welke Blumen, eine für ungelesene Kondolenzbriefe und eine für nassgewordene Plüschtiere. Apropos, bittere Tränen müssen in der Nordsee verklappt werden, die versalzen das Ab- bzw. Grundwasser (siehe auch Loveparade > Urin). Das würde auch den Arbeitsaufwand für die Strassenreinigung reduzieren, all das Heulen und Zähneknirschen kostet Städte und Gemeinden ein Heidengeld. Warum eigentlich selbst jammern, wenn man doch Arbeitslose als Klageweiber beschäftigen könnte? Der perfekte 1 €-Job für Schauspieler ohne Engagement, die Unterqualifizierten können ja immer noch stumm leiden, zumindestens darin haben sie ja Erfahrung. Dann könnte die arbeitende Bevölkerung ihr kollektives Gewissen bequem vom Sofa aus einlullen lassen, immerhin zahlt man ja Sozialversicherungsbeiträge dafür… mal im Ernst, dies ganzen postrevolutionären Leisetreter gehen sowas von auf die Eier, dass meine Prostata zuweilen nur mit einem Korken vom fluchtartigen Verlassen des Enddarms zu hindern ist. Autschn!
Und zum Abschluss liefere ich noch eine zünftige Kontroverse für künstliche Aufregung: Die Todesferien auf Saltkrokan waren ein kalkuliertes Risiko. Wer einer politischen Jugendorganisation beitritt, muss als schwächstes Glied in der Kette mit Angriffen Radikaler rechnen (oder auch bei „Demos“ mit einem Polizeikessel). Traurig, aber wahr, bei Rechtsaussen sind Überraschungsbesuche auf Camps von (vermeintlichen) Zecken ja schon lange Tradition, der Parteisoldat spricht dabei von „weichen Zielen“. Im Fall Utoya butterweich, die winzige Insel liegt ja herrlich weit ab vom Schuss des nächsten Polizisten. Sicher, Wachen (nein, keine Mahnwachen!) oder sonstige Standard-Sicherheitsmassnahmen hätten den falschen Polizisten Breivik kaum abgeschreckt und ihm ggf. auch nur geringen Widerstand geboten. Nur war davon nie die Rede, die Kids hatten gar keine Chance, weil die Veranstalter und die Eltern ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind. Selbst ein ferientypischer Unfall wäre ggf. böse ausgegangen, da es anscheinend auch keine Rettungshubschrauber gab. Dafür kam einer vom Fernsehen, der das Ganze aus sicherer Entfernung gefilmt hat, statt mal näher ranzugehen. Immerhin war der nicht zufällig da, sondern weil man beim Sender Polizeifunk abgetwittert hat. Insofern ist auch die Aussage „Uns war nicht bewusst, was wir da gefilmt haben“ doppelt doppelzüngig. Doch was macht die Gesellschaft? Sie ersäuft ihr Versagen in einem Meer von Tränen, die Breivik & Co. nicht rühren, sondern nur bestätigen. DAS ist wirklich zum Heulen.

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Über twixraider

Raider heißt jetzt Twix… sonst ändert sich nix, ich suche immer noch einen Job als Scherzkeks.
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6 Antworten zu Ziel betroffen, Mission tränenreich

  1. Insomnia schreibt:

    Mir gefällt „Über das warum nachdenken statt „why“ auf einen Zettel schreiben“. Der Grund könnte aber sein, dass es einfach anstrengender ist, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen, als halt „traurig und betroffen“ zu sein. Wenn man nämlich mal genauer hinschaut, dann gewinnt man den Eindruck, dass so einige Denk-Grundlagen, auf die sich der Attentäter beruft, bereits in der sogenannten „Mitte“ angekommen sind. Süddeutsche hat gerade eine Reportage über Thilo Sarrazin gebracht und auch da wird klar, dass aggressiver Anti-Islamismus nicht nur bei irgendwelchen Freaks mit 10 Hakenkreuzfahnen in der Besenkammer zu finden ist, sondern bei angeblich „ganz normalen“ Mittelstandsbürgern.

    • twixraider schreibt:

      „betroffen“ reimt sich auf „besoffen“… wir sind ein Volk… von Emoholikern! Statt Nächstenliebe praktizieren wir Nächstbestenliebe. Scheiss auf die sieche Omma von nebenan, es gibt doch so viel wertvollere, junge Menschen zu betrauern. Das ist nicht schwer, denen müssen wir weder Schwächen noch Bosheiten verzeihen. Bei Jungsozialisten ist das noch einfacher als bei den Loveparadierern, von denen vielleicht der eine oder andere schon so dicht war, dass er auf dem Heimweg in einer alternativen Realität eine scheusslichen Unfall gebaut hätte. Pietätlos? Ich weiss von diesen Menschen nur, dass sie gestorben sind. Ohne höheren Zweck, das ist kein Verdienst, das kann jeder. Und machen viele, jeden Tag. Zehntausende, Hunderttausende. Kleiner Nebeneffekt: Mit dem Tod in nächster Nähe können wir gar nicht mehr umgehen. Mit dem Hass ist es ähnlich, der ist weder gut noch böse. Da gibt es nur richtig oder falsch.
      Eine Kollegin einer Freundin hat einen grauen Wolf geheiratet, den kennezulernen ich das Missvergnügen hatte. Google mal seinen Verein und sag mir, ob man den hassen darf oder nicht…

  2. nextkabinett schreibt:

    Bin ja eigentlich schon im Urlaub, habe den Artikel aber trotzdem noch brav geplusst, getwittert und geliked. Ansonsten dann wieder nach der Kabinettssommerpause im September. Deine Blogs sind zwar tagesaktuell, veralten aber nicht. Deshalb dann die Altweibersommernachlese.

    Inhaltlich schließe ich mich dem Gesagten an. D’accord. Vor allem die Nachricht der gänzlich urlaubenden einzigen Hubschrauberbesatzung ließ mir doch die Haare zu Berge stehen. Und dies in einem so reichen Land. Nun ja.

    • twixraider schreibt:

      Man darf natürlich nicht vergessen, dass Breivik ein „Ablenkungsmanöver“ gestartet hat, welches natürlich A: Verwirrung gestiftet und B: Ressourcen der Rettungskräfte abgezogen hat. Doch selbst wenn ALLE Rettungshelikopter der 1,9 Millionenstadt Oslo bereits mit der Verteilung der 18 Bombenopfer auf die Umliegenden Krankenhäuser beschäftigt waren, so hat Norwegen doch noch ein 3. Ass im Ärmel, nämlich die der Marine zugehörige Küstenwache, das Flottenkommando sitzt in – richtig! – Oslo. Und ein 4., die Heimwehr. Jetzt seht euch mal die Mannstärke und Ausrüstung an und sagt mir, ob man damit die Insel nicht schneller erreichen hätte können bzw. müssen:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Norwegische_Streitkr%C3%A4fte#Marine
      Nee, ich sehe keine Verschwörung, nur ein gründliches Versagen. In ganz Europa werden Verfassungen zugunsten einer Terrorabwehr ausgehöhlt, die in der Praxis nicht funktioniert. Norwegen hatte einem einzelnen Mann nichts engegenzusetzen. Der hatte einfach den besseren Plan, möglicherweise sogar den Urlaubsplan der Polizei. Das muss kein Insiderjob gewesen sein, es gibt genug Trottel, die Namen, Beruf und Adresse auf facebook posten und auch noch erzählen, wann sie wo im Urlaub sind. Und was Einbrecher nutzen können, können Terroristen schon lange…

  3. nextkabinett schreibt:

    Die Küstenwache! Die Heimwehr! Gut, die haben auch keine Hubschrauber, Boote aller Klassen aber schon. Danke für den Hinweis.
    Unabhängig von facebook war der Sommerurlaubsplan der Polizei wohl kein großes Geheimnis, schätze ich mal. Den konnte der Ein-Zellen-Terrorist binnen zehn Jahren akribischer Vorbereitung sicher locker recherchieren. Den Aspekt des „Ablenkungsmanövers“, was Kräfte gebunden hat, sehe ich auch und halte ich auch zugute. Gut ist aber, dass dieses Versagen öffentlich nicht so hochgekocht wird, wie es hierzulande geschehen würde. Konsequenzen werden in Norwegen sicherlich daraus gezogen werden. Wenn man den realen Kern der sehr guten dänischen Serie Livvagterne mal als Parameter heranzieht.

    • twixraider schreibt:

      Natürlich hat die Küstenwache Hubschrauber. Und Schnellboote. Und die Heimwehr ist für die Terrorabwehr gedacht. Und statt den Murks zuzugeben hat man die Arbeit der Polizei noch von Oben über den grünen Klee gelobt, obwohl sich Breivik hat fangen lassen. Sein Bodycount war ja schon voll genug, jetzt kommt der 2.Akt als „politischer Gefangener“. Das wird noch sehr lustig mit diesem lebenden Märtyrer.

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