Mit allen oder von Sinnen?

Über Kollegen bin ich auf einen Artikel in der ZEIT gestossen, man soll seine Kinder vor die Tür und in den Dreck schicken. Ich sehe das eher praktisch als naturromantisch, Stubenhocken und die Enge zwischen Gebäuden ist auch schlecht für die Augen. Das passt sich nämlich den durchschnittlichen Distanzen zum Objekt an, ein Kind aus Käfighaltung kann mit Fernsicht nichts anfangen. Das bedeutet nicht unbedingt eine eingeschränkte Sehschärfe, aber das Gehirn ist mit weit und breit gestreuten Bildinformationen überfordert. Das effektive Blickfeld schrumpft auf die Grösse eines Monitors, man empfindet bei einem Panorama eine Art Agoraphobie. Erwachsene können sich wieder umgewöhnen, aber wenn die benötigten neuronalen Verknüpfungen ganz fehlen, wird es schwierig. Wohl dem, der von seinen Eltern noch regelmässig zur Bewunderung einer Aussicht genötigt wird… im letzten Urlaub habe ich allerdings einen anderen Trend beobachtet, da trotteten Kinder den Eltern blind hinterher, die Augen starr auf den Gameboy gerichtet. Weggelegt wurde das Spielzeug nur bei extremer Ermüdung der Augen, dann sassen die Gören blinzelnd herum und taten sich schon mit der Wahrnehmung des Eisbechers direkt vor ihrer Nase schwer. Zu Anfang glaubte ich noch, es würde sich um einen Einzelfall bzw. immer die selbe Familie handeln. Auf den 2.Blick hingegen schenkten ca. 80% der vielen gesichteten Kinder ihrer teuer bezahlten, exotischen neuen Umwelt (in diesem Fall die wirklich beindruckende Landschaft der Provinz Krabi in Thailand) nur ein Minimum an Beachtung. Wie mag sich nun das obligatorische Ferienerlebnisverhör in der Schule gestaltet haben?

Lehrerin: „Und Kevin, wo warst du denn in den Ferien?“

Kevin (unwillig): „Weissnich.“

Lehrerin (irritiert): „Na, wart ihr denn weit weg?“

Kevin (windet sich): „Weissnich… mit dem Flieger.“

Lehrerin (greift zu Trick 17): „Erzähl doch mal, was hast du denn gesehen… Tiere?“

Kevin (erleichtert): „Jaaa!“

Lehrerin (auch erleichtert): „Und was für welche?“

Kevin (strahlt): „Ich hab ein Pikachu gefangen!“

Das war jetzt vielleicht dezent übertrieben, aber ähnliche Szenen spielen sich wohl desöfteren in deutschen Klassenzimmern ab. Das Scheuklappensyndrom habe ich übrigens nicht nur am Zielort beobachtet, auch auf dem Weg. Gut, der Blick aus dem Autofenster mag für Kinder wenig spannend sein, da ist der Gameboy ein Segen für die Eltern. Ähnliches gilt für Flughafen und -zeug. Auch öde Regentage im Hotel lassen sich so überbrücken, von mir aus auch das Sitzenbleibenmüssen im Restaurant. Aber der Gameboy auf Schritt und Tritt? Ohne Veto der Erziehungsverpflichteten? Die sich noch über die Japaner lustig machen, die alles nur durch die Kameralinse bzw. später auf Fotos sehen? Die erinnern sich wenigstens noch schemenhaft, dort gewesen zu sein, bei der Degeneration Gameboy bin ich mir da nicht so sicher, heute ging dieses Experiment sicher anders aus. Und wie gesagt, es wird immer schwieriger, je länger es dauert, irgendwann erblinden die Kinder… geistig zumindestens!

PS: Ich hatte meinen Gameboy auch dabei. Aber ich hatte gar keine Muße, ihn zu benutzen. Ich musste nämlich meine berufskranken Monitorscheuklappenaugen wieder auf Weitwinkel trainieren, um die ganzen neuen Eindrücke auch wirklich zu sehen.

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Über twixraider

Raider heißt jetzt Twix… sonst ändert sich nix, ich suche immer noch einen Job als Scherzkeks.
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