Domo arigato für gar nichts

Japan und kein Ende, gestern wieder ein schweres (es gab Dutzende kleinere seit dem 11.03.) Erdbeben, heute ein Leck im Abklingbecken des Kraftwerks Onagawa. Gutes Timing, denn heute Abend ist die Jubiläumsparty meines Arbeitgebers, 20 Jahre Stadtmagazin, da kommt die ganze sog. „Szene“. Ich habe im Vorfeld vorgeschlagen, die Gelegenheit für eine Spendenaktion zu nutzen. „Wir“ sind schliesslich Partner zweier japanischer Städte. Es gibt hier eine Filiale der Deutsch-Japanischen Gesellschaft, einen japanischen Stein-Hain, einen japanischen Garten, ein japanisches Frühlingsfest etc. pp.. Gut, das ist hauptsächlich so ein offizieller Kram, lebendiger Kulturaustausch ist anders. Dazu zählen eher die japanophilen Kids, die in einem lokalen Club mehr oder weniger regelmässig eine sog. J-Rock-Party feiern. Soll heissen, sie verkleiden sich als verkleidete Japaner, das nennt sich dann Visual Kei und Cosplay. Eine merkwürdige bis grenzwertige Subkultur, besonders in ihrer westlichen Version. Verzeihung, aber es sieht einfach nur albern aus, wenn sich kaukasische Brummer in das Kostüm einer Gothic-Lolita o.Ä. zwängen, spätestens ab 90 kg ist einfach Schluss mit süss und niedlich. Nicht, dass ich Mitleid mit den durch diesen Anblick verstörten „guten Onkels“ hätte, aber man muss sich ja nicht komplett zum Kasper machen. Wie dem auch sei, meine Idee war es, auf dieser Jubiläumsparty so eine villakunterbunte, nicht zu albern gewandete Truppe mit Sammelbüchsen des DRK herumlaufen zu lassen. Sozusagen ein Visual Kei-Stimulus, um die Spendenbereitschaft etwas anzukurbeln. Das Feedback unserer Redaktion war erwartungsgemäss mau, von moderner Popkultur haben die noch weniger Ahnung als von viralem Marketing. „Hö, wenn du meinst, mach mal.“.  Dabei war der Arbeitsaufwand minimal, die Veranstalterin dieser lokalen J-Rock-Parties (zu denen Kids aus dem ganzen Landkreis erscheinen) ist ja Mitinhaberin des Clubs, der wiederum Anzeigenkunde bei uns ist, Vitamin B rulez. Das hatte ich in homöopathischen Dosen, ich hab sie mal in einer Bar kennengelernt. Also hab ich ihr das Konzept gemailt, natürlich mit dem Hinweis, dass es Presseberichterstattung und damit kostenlose Werbung geben wird, die Party-Paparazzi sind ja ganz scharf auf solche Motive. Nach ein paar Tagen hat sie zurückgemailt, sie hätte in den einschlägigen Foren nach Freiwilligen gesucht. Aber nicht gefunden, weil sich die Kids nur für Parties oder Photoshootings stylen, zu viel Aufwand. Zeit für Fremdschämen! Liebe Kabuki-Kids, angeblich gehört euer Herz Japan. Und dann ist es euch zu viel, euch in Schale zu werfen, um für eure „Seelenverwandten“ ein paar Groschen zu sammeln? Pfui! Was seid ihr doch für schäbige, bornierte Selbstdarsteller. Keiner hat von euch verlangt, auf überteuerte Import-Klamotten zu verzichten und euer Taschengeld stattdessen zu spenden. Zugegeben, mit einer Sammelbüchse hausieren gehen kostet auch eine gewisse Überwindung. Ich wurde als Schulkind für die Kriegsgräberfürsorge rekrutiert, was zu Anfang nicht einfach war, man kommt sich wirklich wie ein Bettler vor. Aber daran gewöhnt man sich schnell, besonders, wenn man nicht für sich selbst Schnorren geht. Lampenfieber hätte ich als Gegenargument gelten lassen. Aber dass euch die Zeit für das Styling dafür zu schade ist? Pfui, pfui, pfui! Ihr habt offensichtlich keine Ahnung von den Japanern, die hätten euch allein schon für die Geste in ihr Nachtgebet eingeschlossen. Viele davon hungrig und unter freiem Himmel, weil ihnen Erdbeben und Tsunami wirklich alles genommen haben. Zieht eure Schulmädchenkostüme bloss schnell aus, ihr verdient sie nicht. Die echten haben sich nämlich in Tokio auf die Strasse gestellt und für die Opfer gesammelt, ein Video dazu hier. Die schämen sich für ihre Tränen, ihr euch nicht einmal für eure Bequemlichkeit. Und ich schäme mich für meine Dummheit, eurer „Szene“ einen kleinen Funken Anstand zugetraut zu haben… toufu no kado ni atama wo butsukete shi ne!

PS: Nein, bei der Jubiläumsparty gibt es jetzt auch keine andere Benefiz-Aktion. Die DJG hätte sicher noch zusammen mit dem DRK einen kleinen Stand aus dem Boden gestampft, da hätte man Buttons o.ä. verkaufen können. Aber das hätte dann ich ganz allein anleieren müssen, die Redaktion war ja zu faul. Grinsend vor die Kameras gestellt hätte man sich an dem Stand aber schon. Nicht, dass ich da scharf darauf gewesen wäre, ich mag gar kein Rampenlicht, darin dürfen sich gerne andere sonnen. Aber nur, wenn sie vorher etwas Interesse und Engagement gezeigt haben. Egofick für lau is nich, ich hab auch meinen Stolz.

Awaritsu wa aikawarazu manko darou
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Über twixraider

Raider heißt jetzt Twix… sonst ändert sich nix, ich suche immer noch einen Job als Scherzkeks.
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4 Antworten zu Domo arigato für gar nichts

  1. kreadiv schreibt:

    Ein weiterer Fall von „Perlen (= Vorschläge) vor die Säue“… und Vergnügen geht vor Engagement!?

    Eine Frage hätt ich noch: Wie ich Deiner Schilderung entnehme, handelt es sich wohl ausschließlich um junge Damen, die an den Veranstaltungen teilnehmen oder ist die Bild-/Linkauswahl unglücklicherweise etwas einseitig???
    *bildervonjungssuch*

    • twixraider schreibt:

      Also beim Kotzplay gibt es auch „echte“ Kerls, beim Visual Kei sind alle metroandroschlagmichtot. Die DJane war auch nicht immer eine, aber das willst du alles gar nicht wissen… ja, Mädels sind da massiv in der Überzahl, gerne auch in Hosenrollen. Ziemlich behupster Scheiss das Ganze, teilweise wie CSD on bad Acid. Google mal (auf eigene Gefahr!) „Cosplay Horror“, „Bad / Worst Cosplay“ etc….

  2. nextkabinett schreibt:

    Ja, was Du da berichtest, das ist beschämend und erbärmlich. Ich verstehe Dich nur zu gut. Etwas zu organisieren, was erstens grundsätzlich nicht wertgeschätzt und dessen tieferer Sinn zweitens gar nicht erkannt wird, lohnt der Sache nach nicht. Beklagenswert ist dies allerdings, wenn es eine solchermaßen wirklich wichtige Sache ist.

    Unfassbar, dieser ganze Vorgang. Das Ganze erscheint mir wie eine Art quartiäre Traumatisierung, bedingt durch die allseits eintretende mediale Übersättigung. Also eine Gegengegengegenübertragung. Können sich bei Hilfskräften sekundäre Traumatisierungen einstellen, bei (hilflosen) Zuschauern realer Katastrophen Effekte von Traumatisierungen, so würde ich bei nicht minder (hilflosen) Zuschauern mittels der Medien von quartiären Effekten sprechen wollen. Dies alles ein wenig holzschnittartig und abgestuft nach Entfernung und Teilhabe am traumatisierenden Ereignis. Denn in der Psychotraumatologie ist es schon lange bekannt, dass sich nicht unbedingt die realen Opfer einer Katastrophe posttraumatische Stresssymptome zeigen. So weiß ich von einer Patientin, die wegen des Tsunami 2006 in therapeutischer Behandlung war. Allerdings hatte sie den Tsunami weder vor Ort miterlebt, sondern einen Verwandten verloren.
    Ich möchte keinen aus dieser ‚Szene‘ von Dummheit und fehlendem Anstand freisprechen, nur ein wenig relativieren. Sehe ich einfach quer durch die zu viele Übertragungsphänomene und Abwehrmechanismen am Werk, und gerade in dieser ‚Szene‘ sind doch die klassischen Übertragungs- und Abwehrwirkweisen extrem beheimatet. Hat man andere Werte, kann man diese Scheinwelt gar nicht (mehr) ertragen.

    So regt mich beispielsweise auf, dass die Regierungskasper sich jetzt verstärkt um das Ehrenamt als solches bemühen. Frau Dr. Schröder ist an diesem Thema ja schon lange dran und aus Regierungssprecher Seiberts Twitteraccount weiß ich, dass die jetzt dafür verstärkt Propaganda machen werden.
    Ich habe grundsätzlich gar nichts gegen bürgerliche Ehrenämter, ich habe nur was dagegen, damit die üble Arbeits(losen)-, Sozial- und Familienpolitik zu stützen. Einerseits soll man bis zum Tode arbeiten, andererseits gibt es keine Jobs. Also, was dann? ALG II und Ehrenamt. Das ist die Perspektive. Nun ja, das ist ein anderes Thema, kommen wir wieder zu Deinem zurück.

    Was Du in Deinem Artikel bescheibst, scheint mir das Abbild dessen zu sein, was ich aus der Psychotraumatologie kenne. Es ist ja so, dass viele traumatisierte Menschen über lange Zeit ja bestens funktionieren und wenn sie dann wirklich zusammenbrechen, funktionieren sie noch eine ganze Weile lang weiter. Vielen merkt man über lange Zeit nicht an, wie hilfebedürftig sie wirklich sind. Deshalb ist es ja für viele auch so schwierig, Menschen mit posttraumatischen Belastungssyndromen als krank anzuerkennen. Viele denken, das seien Simulanten usw. Unmittelbare Hilfe erfahren solche Menschen erst, wenn sie wirklich richtig unten angekommen sind, richtig kaputt, richtig ausgebrannt usw.
    Womit wir doch wieder bei obigem Thema Sozialpolitik wären. Nicht umsonst orientiert sich die Politik bei ALG II-Empfängern an den Schwächsten, den sichtbar Hilflosesten. Was ja im Prinzip auch in Ordnung ist. Allerdings gibt es eine Personengruppe, die in der Grauzone verharrt, weil sie nicht so bedürftig sind wie die offensichtlich Schwachen, aber auch nicht so selbstregulativ wie die ’normal‘ Funktionierenden.

    Doch wieder zurück … Es ist doch auffallend, dass die Spendenbeteiligung beim Erdbeben in Haiti und beim Tsunami 2006 so gewaltig war. Ich denke, es hat einfach mit obigem Phänomen zu tun. In Haiti und beim Tsunami in ganz Südostasien traf es – neben den Touristen, die das Ganze direkt in die heimische reale Wohnstube schwappen ließen – viele Menschen, die zu den offensichtlich Schwachen gehör(t)en. Da wirkt der – ich nenne ihn mal – Heilige Sankt Martin-Effekt und man teilt unmittelbar seinen Mantel mit denen, die gar nichts mehr haben.
    In diesem Sinne bewerte ich auch Aussagen von beispielsweise Ranga Yogeshwar, der in einer ARD-Sendung sinngemäß sagte, dass in Japan ja wesentlich weniger Menschen durch das Erdbeben und den Tsunami zu Tode gekommen seien als eben in Haiti oder im Tsunami in Südostasien. Eine schwierige Aussage, denn es ist eine auch für obige ‚Szene‘ typische Aussage, die unausgesprochen den ethischen Prinzipien des Utilitarismus folgt. Ich bin der Ansicht, dass man hier wie da und dort keine Opferzahlen miteinander aufrechnen kann, sollte und darf. Absolute Opferzahlen sagen gar nichts. Meine Mutter meinte zu mir, diese Katastrophe in Japan sei ja so schimm, wie damals der Tsunami. Ich entgegnete, dass in meinen Augen Japan schlimmer sei, auch wenn die absolute Opferzahl (noch) geringer ist. Die Folgeopfer – auch an den Folgen der Nuklearkatastrophe sterbenden Menschen – können wir ja noch gar nicht abschätzen.

    Doch wieder zurück zum Thema … Ich denke, dass die Spendenzurückhaltung Japan gegenüber sich aus mehreren Quellen speist. Zum einen natürlich die Zurückhaltung Japans selbst, internationale Hilfe anzunehmen, zum anderen die vielen widersprüchlichen Informationen, die einen klaren Handlungsakt zu spenden erschweren. Und eben oben angeführten psychischen Mechanismen, die stets einer bestimmten Struktur folgen. Japan funktioniert (noch) irgendwie zu gut, ist vordergründig (noch) zu wenig hilfebedürftig und wirkt (noch) zu gesund. Irgendwann stumpfen dann die quartiären Traumatisierungseffekte ab, beziehungsweise werden schlichtweg verdrängt. Und Verdrängungsmechanismen sind in meinen Augen in dem von Dir dargestellten Szenario massiv wirksam.

    LG,
    die SoSe

    PS.: Warst Du schon mal (länger) in Japan?

    PPS.: Dass die Leute von viralem Marketing nichts verstehen, kann ich indem kaum nachvollziehen. Wobei – ich habe mal kurzzeitig bei den hier in Frankfurt ansässigen Jesuiten im Fundraising gearbeitet. Da ging auch nichts. Man wollte ja, aber bitte nicht zu viel und zu schnell.

    PPPS.: In einem hat die Regierung wohl Recht. Es kann nicht verkehrt sein, Schüler wieder mehr in Richtung Ehrenamt zu bewegen. Die Institution Kirche, die hier früher viel kompensierte, fällt ja zunehmend aus und eine staatliche Organisation, wie es in der DDR üblich war, soll ja aus guten Gründen nicht geschehen. So bleibt wohl nur die US-amerikanische Variante, ehrenamtliches Engagement i. S. v. staatsbürgerlichem Engagement zu verankern. Dies geht ja wohl nur über die Schulen.

  3. twixraider schreibt:

    Huch, wieder ein Info-Tsunami… deine Trauma-These in allen Ehren, aber dazu muss man erst einen Verstand haben. Diese Kids picken sich halt ein ganz klein bisschen Nippopkultur raus, die meisten kennen Japaner nur aus dem Zoo, zu ihrem angeblichen Traumland und seinen Normalbürgern haben sie ein keinen echten Bezug. Ich habe zumindestens mal einen Tag mit dem Theateresemble Lasenkan verbracht:

    http://www.lasenkan.com/Lasenkan.html

    Allzuviel gelernt hab ich auch nicht, aber dass japanische „Ah so!“ im Deutschen „Ah so!“ bedeutet. Nee, in Japan selbst war ich noch nie, abgesehen vom Reisepreis wäre ein Land ohne Hausnummern für mich die Hölle. Aber nein, bin kein echter Asperger, mein Zahlengedächtnis ist lausig!
    Was die Spenden angeht, die fliessen noch ganz gut, es fehlt auch eher an Manpower. das japanische Rote Kreuz ist mit dem immer noch wachsenden Haufen Scheisse überfordert. Wie lange das noch im Bewusstsein bleibt? Haiti hat vorher auch nicht viel besser ausgesehen, das hat den medialen Gewöhnungseffekt beschleunigt. Der Tsunami von 2004 schwappte übrigens auch erst mit dieser Meldung so richtig in meine „Realität“:

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/01/08/a0175

    Zum angestrebten Freiwilligendienst sag ich jetzt nur, dass er eine prima Vorbereitung auf zahllose unbezahlte Praktika und 1€-Jobs ist, Griechenland lässt grüssen… mal im Ernst, damit soll doch hauptsächlich die Jugendarbeitslosigkeit schöngerechnet werden. Wer nix soziales machen will, geht zum Bund. Freiwillig.

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