Die neuen Leiden der Natascha K.

Wir befinden uns im Jahre 2011 n.Chr. Ganz Deutschland ist von Trauer um Bernd Eichinger ergriffen… Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Bloggern bevölkertes Internet hört nicht auf, dem Betroffenheitskult Widerstand zu leisten. Dass ihm jetzt selbst viele seiner Kritiker posthum Zucker in den kalten, toten Arsch zu blasen, ist ja noch nachvollziehbar, die wollen auf der Schlagzeile mitreisen, de mortuis nil nisi bene si bono. Und man will ja auch nicht den Volkszorn auf sich ziehen, der hierzulande immer noch aus den falschen Gründen hochkocht, ein Wutbürger ist nicht automatisch ein Klugbürger, der eben nicht ohne Sinn und Verstand kondoliert. Trauer empfindet man nur für Menschen, die man persönlich gekannt hat und/oder die nachweislich wertvoll waren. Die guten Filme Eichingers lassen sich an einer Hand abzählen, das Gros seiner Produktionen war schlimmer Schrott, wegen der mehrfachen Vergewaltigung seiner Vorstadtkrokodile rotiert Max von der Grün in seinem Grab. Genau wie Michael Ende und Runer Jonsson, um nur einige der zahlreichen Opfer von Eichingers „künstlerischer Freiheit“ zu nennen. Ich nenne das „Kinderfilmleichenschändung“, das schlimmste aller cineastischen Verbrechen.

Je nun, „mündige“ Erwachsene mit Geschmacksverstärkern zu vergiften ist auch nicht viel besser, warum z.B. musste „Der Baader-Meinhof-Komplex“ mit der hirnschädigenden Chemikalie „Cobra 11“ angereichert werden? „Der Untergang“ wurde hochgelobt, steht und fällt aber mit Bruno Ganz, ohne den es auch keine Hitler-Meme gäbe, der Rest des Films fühlt sich eher an wie ein historisches Live-Rollenspiel, der bekanntlich niedrigsten Form der Darstellung. Also Eichinger an seinen wenigen echten Sternstunden zu messen wäre so ähnlich wie Hitlers Leben und Machwerk an dem geschenkten Gaul der Autobahn. Um im Nazi-Jargon zu bleiben, Eichinger hat eigentlich nur noch undeutsche Filme gemacht, er war ein Erfüllungsgehilfe, um nicht zu sagen ein eigennützlicher Idiot Hollywoods. Die komplexe, lokalidentische Filmkultur war ihm egal, die Oscarkasse musste klingeln. Ein kulturimperialistischer Kollaborateur, der noch ein ganz anderes Ende verdient hätte.

Ich übertreibe in meiner Hasspredigt? Nein, und ich setze noch ein Argument drauf! Einer seiner Chefsachen war nämlich die Geschichte von Natascha Kampusch, einer Art Anne Frank der Postmoderne, nur eben noch am Leben, welches auch ohne reisserisches Zerrbild schon schwer genug ist, siehe „Medienecho„. Ihre langjährige Sexsklavenhaltung ist auch kein Einzelfall, sondern ein Phänomen, also wozu eine personalisierte Aufarbeitung wenn nicht zwecks Namedropping, um die Sensationsgeilheit der Menschen zu missbrauchen? Der zugrundeliegende Zeitungeist wurde auch schon thematisiert, nicht ganz zufällig vor dem Fall Kampusch und von einem Österreicher, nämlich in „Hundstage“ von Ulrich Seidl, welcher aus Prinzip nicht nach dem Prinzip „Kassenerfolg“ arbeitet. Seidl bietet absichtlich Kassengift an, keine 1 1/2 Stunden Zerstreuung neben einer Popcornmahlzeit. Wie man es auch dreht und wendet, Eichinger hätte es nur schlechter machen können. Insofern freue ich mich wie ein Schnitzel Wiener Art darüber, dass das Filmprojekt „Kampusch“ mit Eichinger gestorben ist. Vorerst, denn Totgesagte leben länger und seine Jünger haben mit Sicherheit noch weniger Skrupel als ihr Meister…

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Über twixraider

Raider heißt jetzt Twix… sonst ändert sich nix, ich suche immer noch einen Job als Scherzkeks.
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6 Antworten zu Die neuen Leiden der Natascha K.

  1. kreadiv schreibt:

    „Ein kulturimperialistischer Kollaborateur, der noch ein ganz anderes Ende verdient hätte.“
    Man kann sicherlich über einen Filmschaffenden seine Meinung und Kritik äußern, aber darüber zu befinden, welches Ende ein Mensch (aufgrund seines Schaffens?) verdient hätte, finde ich doch ziemlich – sagen wir mal – anmaßend.

    „Das Geisterhaus“ gehört auf alle Fälle zu meinen Lieblingsfilmen.

  2. twixraider schreibt:

    Da haben wir schon das Problem, das Geisterhaus wurde für den internationalen Markt produziert. Auf gut Deutsch: Vom Casting bis zur Musik auf Hollywood getrimmt, die Auswanderer Armin Mueller-Stahl und Hans Zimmer waren dort damals schon etabliert. Gedreht wurde in Portugal und Dänemark, das Gros der Postproduktion fand auch in Dänemark statt. Deutsch war an diesem Film nur der Löwenanteil der ca. $ 25.000.000 Produktionskosten. Der Witz ist, in den USA wurden nur die Leistungen der fellow citizen actors gelobt, das nachgemachte American Art House-Kino brachte an der Kasse nur $ 6.265.311. Zum Vergleich, im vergleichsweise winzigen Kinoland Spanien spielte der Film 5.339.558 € ein. Am erfolgreichsten war er in Deutschland, Kassenmagnet für die 3,84 Millionen Zuschauer war aber eher die Besetzung aus Hollywood. Kurz: Kein Verdienst für den deutschen Film, nur für das Konto der CONSTANTIN, bei der Eichinger den Ton angab. Aber mach dir selbst ein Bild:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Eichinger
    http://www.imdb.de/name/nm0251536/

    Unter deutschem Kino verstehe ich etwas anderes, Eichínger hatte die deutsche Krankheit:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Untertan_%28Film%29

    Deutschland wurde nach dem Krieg nicht wirklich entnazifiziert, dafür aber gründlich amerikanisiert. Das goldene Kalb hiess nun Oscar und Eichinger tanzte ganz vorne mit, bis der deutsche Film sein Gesicht verloren hat. Und damit meine ich nicht den hehren Autorenkram, sondern den Mainstream. Siehste, wir haben nicht einmal ein deutsches Wort dafür. Diesen Mittelstrahl gibt es in ganz Europa, aber mit einer jeweils deutlichen, nationalen Einfärbung, die sich über die letzten 65 Jahre nur unwesentlich verändert hat. Der deutsche Mainstream hingegen ist inzwischen irgendwie komplett banal, undefinierbar, amorph. Nun, wenn man sich damit zufrieden gibt… ja, dann war Eichinger einer der ganz Grossen!

    • der_emil schreibt:

      Amerikanisiert … Naja …

      Wie schnell der Mist geht, hab ich in 21 Jahren jetzt gesehen. Früher hieß die UdSSR „Großer Bruder“ – aber gegen das, was jetzt aus den USA hrüberschwappt, waren die doch Waisenknaben …

      • twixraider schreibt:

        Darum hab ich auch den Untertan erwähnt, der eben kein Liebesgruss aus Moskau war. Von der Eigenständigkeit der DEFA ist aber auch nicht mehr viel übrig, in Babelsberg wird heute hauptsächlich Seife nach amerikanischen Vorbild produziert… in guuuteeen wie in schlechteeen Zeiten!

  3. der_emil schreibt:

    Jaja, deshalb „in 21 Jahren“ – also seit 1989 /1990 ..

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