Gottes Wort und Teufels Betonung

Wenn man Worte nur oft genug wiederholt, verlieren sie ihren Sinn. Hindus und Buddhisten nennen diese Technik „Mantra“, Frauen „Nörgeln“. Man kann Worten aber auch neuen Sinn verleihen, wenn man sie anders betont. Kürzlich habe ich entdeckt, dass die Zeitschrift „YPS“ ein virtuelles Comeback versucht. Und wer Y sagt, muss auch

Urzeitkrebs

sagen! Ein Kunstwort, denn mit der wissenschaftlichen Bezeichnung hätte sich das Gimmick nicht 20 x (!) verkauft. Also semantisch steht es zum Abschuss frei, da liegt eine Assoziation mit dem krampfhaften Revival nahe. Hier nun meine Neudefinition:

„Urzeitkrebs, der: Kommerzialisierte Form der Nostalgie, die Anachronismen billigend in Kauf nimmt.“

Da Raum & Zeit eigentlich eins sind, ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Nostalgie“ keine Notlösung, man kann durchaus Heimweh nach einer Zeit haben. Doch steht das eigentlich nur Personen zu, die auch dort bzw. dann waren. Doch selbst dann können sich Fehler einschleichen, weil man Kindheit und/oder Jugend ja automatisch verklärt, nostalgische Erinnerungen sind immer lückenhaft. Genau wie Informationen aus 2.Hand, Geschichtliche Dokumente sind ebenfalls subjektive Erinnerungen, aus denen wir uns die Rosinen picken und mit eigenen Vorstellungen einfärben. Die meisten Menschen kennen andere Zeiten aber ohnehin nur aus Fiktionen wie Romane oder Spielfilme, was die wahrnehmungstechnische Fehlerquote verdreifacht. Das beste Beispiel sind die inflationären Mittelalter-Festivitäten. Da werden Romanik, Gotik und Renaissance wild durcheinandergewürfelt bzw. wird aus über 700 Jahren ein Brei gekocht, gewürzt mit künstlerischer Freiheit. Dass diese Zeitspanne ziemlich finster war, wird komplett unterschlagen oder zum Event-Element, Folter zur Familiengaudi.

Aber auch Kurztrips durch die Zeit haben mit der Realität nicht viel zu tun. Mitte der 1990er kamen erst Disko und dann Schlager wieder in Mode, Retroparties wurden zur Pest. Der Oberbegriff „70er“ ist übrigens fehlerhaft, (pop)kulturelle Epochen wechseln inzwischen zwar wirklich alle 10 Jahre, aber die Zäsur findet zur Mitte der Dekade statt. Die 60er begannen also eigentlich 1965 und endeten 1975 usw.. Heute werden 60er, 70er, 80er & 90er zusammengefasst und unter dem Handelsnamen „Bad Taste Party“ verscherbelt. Trash auf Kommando, Animation für Subkulturbanausen. Ironie am Rande: Jeder Anbieter beharrt darauf, das Original anzubieten, alle andern äffen ihn nur nach. Diese Dekaden entsprechen genau meiner Lebenszeit, die ich in diesen Parties nicht wiederekenne, das ist für mich alles affig. Es gibt sogar schon Menschen, die das anachronistische Atzentum ernst nehmen. Das ist dann so überaffig wie die Sophistos, die lieber den 50er, 40er, 30er & 20er Jahren frönen und einem ständig mit ihrem Expertentum auf die Nerven gehen. Dabei ist das auch längst kein exklusiver Geheimkult für Flohmarktjäger & -sammler mehr. Retro ist big Business, das Zubehör gibt es überall von der Stange… hat denn die Gegenwart so gar nichts zu bieten?

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Über twixraider

Raider heißt jetzt Twix… sonst ändert sich nix, ich suche immer noch einen Job als Scherzkeks.
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